Illegal

Evakuierungspläne

Herbie rief noch am späten Abend bei Carsten an, um ihn zu fragen, ob er drei Tiere und einen Freund auf seinem Hof aufnehmen könnte. Die hätten Ärger mit den Bullen. Wie gebannt saßen wir um Herbie herum und sogen jedes Wort auf, das er mit Carsten redete. Anna hatte sich hoch aufgerichtet wie eine Kobra, Günter saß auf meinem Schoß, riss rhythmisch die Augenlider auf und fletschte die Zähne, Ilona spitzte die Ohren. Was fressen die denn? Was brauchen die? Kann man da Ärger kriegen? Wir hatten das Telefon laut gestellt, so dass wir alles hören konnten. Carsten hatte ein ziemlich großes Stück Land um die Hofgebäude mit einem natürlichen Teich, was Ilona und Anna zugutekommen würde. Zum Hof gehörten ein Wohnhaus, eine alte Scheune und ein Stall, den er aber nicht voll nutzte, weil er nur wenige Rinder hatte. Nach langem Hin und Her willigte Carsten schließlich ein, und wir beschlossen, noch in der Nacht nach Lahme-spring am Nüstel zu fahren. Auf Zehenspitzen schlichen wir uns durch das nächtliche Treppenhaus, um ja keinen Lärm zu machen. Ich ging als letzter und hielt die schwere Haustür davon ab, zu laut ins Schloss zu fallen. Sie machte nur ein leises Flapp. Die Karawane von Menschen und Tieren setzte sich in Bewegung, und um die Ecke in der Witwe-Bolte-Straße stand Herbies alter Bulli leider direkt unter einer Laterne. Mit dem charakteristischen, blechernen Geräusch, dessen Lautstärke man in keiner Weise beeinflussen kann, öffnete Herbie die seitliche Schiebetür und zu allererst wuchteten wir Ilona, unsere Schabracke, in den VW-Bus. Es folgten Günter, Anna, Charlene, die sich entschlossen hatte mitzukommen, – was mich riesig freute – und ich, hinten bei den Tieren. Charlene auf dem Beifahrerinnensitz. Mit Schwung schloss Herbie die Tür und klemmte sich hinter das Steuer. Herbie drehte den Zündschlüssel. Müde drehte sich das Anlasserritzel. Die Batterie war alles andere als frisch. Der Motor hustete, sprang an und erstarb. Wir bebten. Erneuter Versuch! Mit demselben Resultat! Beim dritten Mal gelang der Start. Allen fiel ein Stein vom Herzen. Mensch Herbie. Herbie fuhr langsam durch die nächtlichen Straßen der Stadt in Richtung Süden. Schließlich waren wir auf der Bundesstraße 712. Der Bulli war schwer beladen. Mehr als 85 Sachen waren nicht drin. Die Nacht war wolkenlos und der gute Mond beschien die friedliche Landschaft. Nachdem wir den Dreiste durchquert hatten, war es nicht mehr weit. Im Auto herrschte gespannte Stille. Alle fragten sich, was sie in Lahmespring am Nüstel erwarten würde. Günter sprach leise vor sich hin, Anna schaukelte nervös hin und her, und Ilona scharrte mit ihren Hufen. Herbie bog auf einen Feldweg ein. Das alte Vehikel wiegte sich gewaltig in seinen Federn und Stoßdämpfern von der einen auf die andere Seite. Die Räder quälten sich durch mit Regenwasser gefüllte Schlaglöcher. Herbie rief: „Da vorne ist es!“ Ich sah durch die Front-scheibe. Ein Misthaufen tauchte im Scheinwerferlicht auf. Dahinter freundliche aussehende, alte Fachwerkhäuschen. Zoo, Polizei, Veterinäramt und Untere Naturschutzbehörde hatten wir hinter uns gelassen. Vorerst waren wir in Sicherheit. Ich war sehr erleichtert.