Illegal

Evakuierungspläne

Das Ganze war jetzt schon bedrohlich, nachdem ich polizeilich aktenkundig geworden war. In meiner Not klingelte ich zuerst bei Herbie und dann bei Charlene. Ich musste die Karten auf den Tisch legen, denn ich brauchte Hilfe, wie immer die auch aussehen konnte. Beide waren zu Hause und folgten mir unter einigem Zögern in meine Wohnung. Ich war in heller Aufregung. Herbie und Charlene sahen meine Not. Ich stellte ihnen meine Tiere vor. Charlene fand das Äffchen „Sooo süß“, die Schlange aber „Iiiiih!“. Und Anna glitt ihr prompt auf den Schoß, als wollte sie sich mit Charlene anfreunden, die aber „Nimm sie weg, nimm sie weg“, schrie. Ich erklärte Anna, dass die Frau das nicht so gewohnt war, und Anna eurythmierte: „Ach so!“ und zog sich züngelnd ein bisschen zurück. Alle drei fanden meinen Besuch hoch interessant und waren ganz neugierig. Ilona stand ein bisschen abwartend und scheu an ihrer Zimmertür. Herbie Steinmeier „nicht verwandt mit dem Außenminister“, sagte er immer, war fasziniert und fand meinen Privatzoo, wie er das nannte, cool. „Wir werden die Bullen austricksen.“ Er konnte sich aber auch nicht zurückhalten zu sagen: „Artgerecht ist nur die Freiheit!“ „Ja, Herbie, ja“, sagte ich, „aber sie sind mir zugelaufen, verstehst du?“ Charlene wurde ganz feurig. Und dachte laut darüber nach, wie wir die Lage meistern könnten, nachdem ich den beiden die ganze Geschichte erzählt hatte. Wir hatten uns an meinen großen Küchentisch gesetzt, und ich holte meine vorletzte Flasche spanischen Rotwein aus meinem wackeligen Vorratsschrank. Wir tranken aus Senfgläsern. Günter wollte auch, kriegte aber nichts. Herbie zog einen schon fertigen Joint aus seiner Hemdtasche. „Dann kann ich besser denken!“ Und schon breitete sich nach dem Entzünden seiner Tüte ein schwerer, intensiver Duft, der an Weihrauch erinnerte, in meiner Küche aus. Ilona sog mit erhobenem Kopf den Rauch interessiert ein. Wir beratschlagten, was zu tun war. Charlene sagte mit ihrer Sandpapierstimme, die mir eine Gänsehaut machte, dass man meine Menagerie an einen anderen Ort bringen müsste. Das war schon naheliegend. Aber wohin? Wir überlegten hin und her, ob es vielleicht einen kleinen Privatzoo in der Nähe gäbe, der mir die Tiere abnehmen könnte, mit der Option, dass ich sie immer besuchen könnte. Anna machte Zeichensprache, dass ich fast nicht hinterher kam: „Kommt überhaupt nicht in Frage!“, konnte ich lesen; und Günter knarzte „Niemals“. Ilona weinte. So bitterlich, wie ich es bei ihr noch nicht gesehen hatte. Da ging nichts. Herbie meinte: „Haste keine Musik da?“ Ich bin klassisch gut sortiert, aber Musik die Herbie hört, hatte ich nicht. Ich legte eine CD mit indonesischer Gamelan-Musik auf. Sie kam gut an und passte auch zu Herbies blauem Nebel, der inzwischen auch bei uns anderen zu wirken begann. Meine Befürchtungen, was die Staatsorgane anging, schmolzen wie Butter an der Sonne angesichts dieser starken Mannschaft, die sich in meiner Küche versammelt hatte. Herbert Steinmeier hatte eine Idee: „Ich habe eine Idee!“ So wie er das ausrief, hatte es etwas von „Heureka – ich habe es gefunden“ des Archimedes von Syrakus bei der Erfindung der archimedischen Schraube. Wie er nach einer umständlichen Einführung herausbrachte, hatte Herbie einen alten Kumpel in einem Dorf in der Nähe eines dicht bewaldeten Höhenzuges, eigentlich eines Höhenrunds. Carsten. Früher hätten der und Herbie zusammen Musik gemacht. Psychedelic. Carsten hatte sich vor längerer Zeit aufs Land zurückgezogen. Er betrieb biologisch-dynamische Landwirtschaft als Selbstversorger. Herbie sagte, der habe viel Platz und der kleine Hof sei sehr abgelegen. Das hörte sich alles gut an. Wir mussten natürlich noch wissen, was Carsten von der Idee hielt. Und wir hatten ein Transportproblem. Ilona brachte nach meiner Schätzung 250 kg auf die Waage, Günter wog so gut wie nichts und Anna auch nochmal 50. Mit meiner Badezimmer-waage war ich natürlich nicht weitergekommen. Herbie hatte einen violetten VW Bulli T2 mit Prilblümchen und viel Rost, aber mit noch zwei Monaten TÜV und würde uns, Ilona, Günter, Anna und mich nach Lahmespring am Nüstel fahren, wenn es denn so weit wäre.