Illegal               

Freud und Leid (in der General-Uhlhorst-Straße)

Häufig begannen wir den Tag mit dem gemeinsamen Singen von Volksliedern. Auch zweistimmig. Das mochten wir alle. „Wem Gott will rechte Gunst erweisen“ und „Komm lieber Mai und mache“. Anna allerdings machte nur das Maul auf und zu und hauchte ein wenig.

So schön das Miteinander mit so unterschiedlichen tierischen Charakteren und Körperlichkeiten auch war, alle drei Tiere brauchten viel Ansprache und Zärtlichkeit. Anna mit ihrer warmen, seidigen und glatten Haut, Günter mit seinem Fellchen und Ilona, die sich anfühlte wie feines Sandpapier. Die Tiere vertrauten mir und schenkten mir ihre Zuneigung. Jedes eine andere. Ich hatte die Verantwortung für die Rasselbande. Und es war nicht nur die Beseitigung von Äffchenkot, Tapirdreck und  Schlangenködel. Meine Toilette fasste den Dung nicht. Meine Freunde brauchten Zeit, viel Zeit. Wenn ich mal ausgehen wollte, und sei es nur in meine Stammkneipe um die Ecke, war der Protest groß: „Och, nee, nicht schon wieder“, rief Günter mit der Stimme des kleinen David Bennent. Ilona weinte dicke Tränen und Anna züngelte aufgeregt. „Ihr könnt doch fernsehen!“ sagte ich. Doch bis auf ausgewählte Musiksendungen hatten alle keine Lust auf Fernsehen.

Auf Dauer konnte ein so heterogener Privatzoo wie meiner bei aller Verantwortungsethik nicht unentdeckt bleiben. Obwohl ich nie mit ihnen gesprochen hatte, glaubte ich, dass Herbie und Charlene Bescheid wussten. Da die Beiden mir aber wohl gesonnen waren, hatte ich von ihrer Seite nichts zu befürchten. Von Zeit zu Zeit drangen aus meiner Wohnung sicher seltsame Geräusche und gewöhnungs-bedürftige Gerüche. Zwei Dinge kamen zusammen. Im Erdgeschoss wohnte ein einsamer Mann, Kurt Meisendieck. Von seiner Frau verlassen, ohne Job und von der Welt vergessen. Oft trug ich die Hinterlassenschaften meiner animalischen Genossen in der Dunkelheit nach unten in den Müllcontainer für den Restmüll. Dabei muss Meisendieck mich beobachtet und – sagen wir es deutlich – in der Scheiße sondiert haben. Außerdem hatte er in einem Zeitungsartikel von dem seltsamen Zwischenfall im Käte-Strobel-Park gelesen, in dem vermutet wurde, dass ein exotisches Tier unbekannter Art im Stadtteil gehalten wurde, denn niemand hatte Ilona als Tapirdame erkannt. Er hatte auf Grund seines Verdachts des unerlaubten Haltens von Tieren in der Wohnung beim zuständigen Polizeirevier angerufen und am nächsten Tag standen zwei Polizisten, der eine mit einem silbernen Stern, der andere mit zweien, auf der blauen Schulterklappe vor meiner Wohnungstür. Sie grüßten und sagten, dass sie mir auf Grund einer Meldung einer Person aus dem Haus einige Fragen stellen müssten. Ob ich Tiere, und wenn ja, welche, in meiner Wohnung halten würde. Ich verneinte. Da wollten die beiden Kommissare einen Blick in meine Wohnung werfen. Ich sagte nein und verwies auf die Unverletzlichkeit der Wohnung und das Grundgesetz. „Aha, der Herr kennt sich aus“, sagte der Ältere. „Seien Sie versichert, wir kommen mit einem richterlichen Beschluss wieder.“ Sie verabschiedeten sich, ich wankte in die Wohnung zurück und geriet in Panik.