Der Arztbesuch

Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen damit geht. Aber ich für meinen Teil bin immer froh, wenn ich die Tür der Arztpraxis wieder hinter mir schließen kann – und zwar von außen - , und wenn das, was ich von den weisen Jüngern des Asklepios über mich und meine angeschlagene Gesundheit erfahren habe, nicht zu erschreckend ausfiel. Deshalb kann ich auch gar nicht  auf den Gedanken verfallen, jenen hohen Herrschaften nur so zum Vergnügen einen Besuch abzustatten. Was aber andererseits nicht heißen soll, dass ich den Ratschlag der Götter und Göttinnen in Weiß aus Furcht oder Trägheit nun so  lange wie irgend möglich hinauszögere. Im Laufe meines Lebens habe ich erfahren müssen, dass der Körper seine Warnsignale nicht grundlos aussendet, und dass es sträflicher Leichtsinn wäre, sie zu missachten. Dennoch muss ich ja nicht gleich zum Hypochonder entarten! 

Aber die Beweggründe der Menschen sind vielfältig, auch wenn es darum geht, sich der Belastung eines solchen Arztbesuches auszusetzen. Wenn ich nicht zu sehr um meine eigenen Ängste kreise, sondern im Wartezimmer Augen und Ohren auf Empfang gestellt lasse, kann ein solcher Besuch sehr unterhaltsam und informativ sein, wobei es natürlich enorme Unterschiede gibt: Ein Verweilen beim örtlichen Facharzt für Allgemeinmedizin, - wie sich der praktische Hausarzt heute voller Stolz bezeichnet -, ist allemal ergiebiger als z.B. beim Ohren-, Augen- oder Röntgenspezialisten. Welche Vielfalt an interessanten echten und eingebildeten Krankheiten wird Ihnen dort geboten, und außerdem werden Sie noch kostenlos mit dem neusten Dorfklatsch versorgt. Was gibt es hier für interessante Schicksale und Krankheitsgeschichten zu erfahren! Schließlich kann man doch nie zu viel lernen. Auch wenn Sie umständehalber eine neue Wohnung oder ein preiswertes, gut erhaltenes Einfamilienhaus in interessanter Lage suchen, gibt es keine bessere Informationsquelle: „Weißt du schon, wer heute Nacht ganz überraschend verstorben ist?“ Ohren auf, es lohnt sich immer, genau hinzuhören. Das ist so gut wie bares Geld, sage ich Ihnen.

Sie sitzen allein zu Hause in Ihren vier Wänden, haben niemand mehr, mit dem Sie sich streiten können, und Ihnen fällt so langsam vor Langeweile die Decke auf den Kopf? Dann ist der wöchentliche Gang zum örtlichen Nachrichtenbasar genau das Richtige für Sie! Natürlich würde es sich nicht so gut machen, wenn sie dort den lange vermissten Streit vom Zaun brächen, aber immerhin verspricht ein solcher Gang Abwechslung und soziale Kontakte. Denn sich immer nur mit dem zu unterhalten, der äußerst schweigsam die Kneipp’schen Güsse von oben über sich ergehen lässt, ist auf Dauer nicht sehr befriedigend - weil zu einseitig. Dort aber treffen Sie alte Bekannte wieder, die Sie – natürlich nur aus reiner Nächstenliebe - nach ihrem Befinden befragen könnten. Vor allem aber finden Sie endlich Gelegenheit, die Qualen,  die Ihnen Verdauungs- und Kreislaufprobleme bereiten, bis in alle Einzelheiten zu schildern.  Sie erfahren außerdem, wie viele verschiedene Tabletten Sie sich mindestens verschreiben lassen müssen, um mithalten zu können, und welche interessanten und lebenswichtigen Neuigkeiten es sonst noch in Ihrem Umfeld gibt. Und eines können Sie nicht hoch genug einschätzen: Durch Ihren regelmäßigen Besuch sichern Sie dem mühsam um seine Existenz kämpfenden Mediziner das notwendige Minimum und führen ihm jedes Mal wieder deutlich vor Augen, welche herausragende Bedeutung er für die gesamte Menschheit hat. Der alte Spruch „Jeden Tag eine gute Tat“ hat auch heute seine Bedeutung noch nicht verloren!

Außerdem sollten Sie ganz praktisch denken: Warum selber eine Lesemappe abbonieren oder gar für Zeitschriften Geld ausgeben, wenn Sie das hier im Wartezimmer jederzeit kostenfrei haben können? Es kann natürlich schon einmal vorkommen, dass Sie gerade dann zum Doktor befohlen werden, wenn Sie einen aufregenden Bericht über die fürstlich-monegassischen Schicksalsfragen studieren oder aber über die weltbewegende Frage, wie tief die Abendkleider unserer Angela höchstens ausgeschnitten sein  dürfen. Keine Freude bleibt ungetrübt. Aber Sie können den Artikel ja nach der Störung weiterlesen. Es sei denn, irgendjemand hat die Unverschämtheit besessen, sich gerade diese Zeitschrift zu schnappen. Sie kommen eben nicht umhin, im Leben Prioritäten zu setzen: Notfalls müssen Sie sich einen Augenblick gedulden, bis jene Person ihre Lektüre endlich beendet hat. Auf dieser Welt ist nun mal nichts vollkommen!

Aber alles in allem kann der wöchentliche Gang zur Sprechstunde für Sie schon einen gewissen Reiz entfalten, den Sie nicht unterschätzen sollten!

  

09.11.2008