Der Morgen

Unsicher blickte er um sich: Der Raum, in dem er erwachte, kam ihm seltsam bekannt vor. Auch die Einrichtungsgegenstände, die ihn umgaben, waren ihm nicht fremd, er hatte sie irgendwann schon einmal gesehen. Nur konnte er sich nicht mehr erinnern, wann und bei welcher Gelegenheit das geschehen war. In einem aber war er sich ganz sicher: Das hier war nicht sein Zuhause! Aber wo war er gelandet und wie hierher gekommen? Alles lag wie hinter einem dichten Schleier verborgen.

Schwerfällig richtete er sich auf und schob die Beine über die Bettkante. Seine Gedanken bewegten sich zähflüssig wie in einem klebrigen Brei.

Er schwankte zum Waschbecken, drehte den Kaltwasserhahn weit auf und hielt den dröhnenden Schädel unter den eisigen Strahl. Erst als er es nicht mehr aushalten konnte, tauchte er laut prustend wieder empor und betrachtete sich forschend im halberblindeten Glas des Spiegels. Aber sein Gegenüber verriet nichts, was ihm weiterhelfen konnte. Nur die Pauken in seinen Kopf wurden nicht mehr ganz so enthusiastisch geschlagen wie zuvor.

Die Tür zum Nachbarraum stand einen Spalt weit offen; er stieß sie ganz auf und sah sich neugierig um. Auch hier hatte er das gleiche Gefühl wie beim Erwachen: Die Umgebung war ihm zwar vertraut, aber da war nichts, was einen Schluss zuließ auf die Bewohner der Räume, keine Bücher, kein Mitbringsel von irgendeiner Urlaubsreise, keine persönlichen Dinge, die er jemand Bestimmtem zuordnen konnte.

Er versuchte sich zu erinnern - an den gestrigen Abend, die vergangene Woche, seine eigene Geschichte. Der Zugriff auf all das, was vor dem Aufwachen lag, war wie abgeschnitten, kein Fetzen eines Geschehens, kein bekanntes, vertrautes Gesicht tauchte in seiner Erinnerung auf. Es gab keine Erinnerung mehr. Wer war er eigentlich, was machte er beruflich, war er verheiratet, hatte er vielleicht Kinder, wie sah sein Zuhause aus? Nichts, nichts, nichts! So sehr er sich auch quälte, er fand keine Antwort auf seine Fragen.

Vielleicht würde der Blick aus dem Fenster ihm sagen können, wo er sich befand. Ungeduldig riss er die schweren, dunkelbraunen Vorhänge zur Seite und sah hinaus. Er blickte in einen gepflasterten, kahlen Innenhof, der von hohen Mauern umgeben und menschenleer war. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass der Ausblick durch eisernes Gitterwerk eingeschränkt wurde. Er versuchte, das Fenster zu öffnen, doch vergeblich, es war fest verschlossen.

Panik begann von ihm Besitz zu ergreifen.  Er wandte sich um und hetzte zur Tür, die wohl nach draußen führen mochte. Aber auch diese, - gepolstert und ohne Klinke, wie er entsetzt feststellte -, ließ sich nicht öffnen.

11.07.2008