Die dunkle Seite

Die heiße Lohe, die ihm das Atmen fast unmöglich gemacht hatte, verglühte zögerlich und erlosch. Nur nach und nach fand er ins Jetzt zurück und nahm seine Umgebung verschwommen wieder wahr. Was war geschehen in der Zeit, in der sein Denken und Fühlen in eine alles verschlingende Flamme eingetaucht war? Er hatte die Nachempfindung einer gewaltsamen Entladung, die ihn mit ins Chaos zu reißen schien, einer alles versengenden Glut und blendenden Helle. Aber er war noch da, wenn auch mit zitternden Gliedern, und blickte verstört um sich. Was war geschehen?

Die Beine drohten ihm den Dienst zu versagen, und er senkte den Blick auf der Suche nach einer Sitzmöglichkeit. Vor ihm lag in einer Lache dunkelroten Blutes ein Mensch, bewegungslos, stumm und seltsam verkrümmt. Er blickte auf seine rechte Hand: In seinen verkrampften Fingern hielt er ein Eisenrohr, dessen Ende mit Blut verschmiert war. Haare klebten daran. Offenbar war er zum Mörder geworden, hatte einen Menschen erschlagen, aber warum? Wie war es dazu gekommen? Er war ein unscheinbarer, zurückhaltender, ja schüchterner Mann, der mit allen Menschen in Frieden zu leben suchte, niemanden bedrohen und keinem körperliche oder seelische Gewalt antun würde. Das alles war ihm zutiefst zuwider, wäre nie eine Lösung für ihn gewesen. Aber er konnte auch nicht die Augen vor dem verschließen, was ihm zu Füßen lag, konnte nicht leugnen, dass ihm etliche Augenblicke in seiner Erinnerung fehlten, die er auch mit aller Anstrengung nicht zurückholen konnte. Wie nur war diese Tat möglich gewesen, die seiner Natur augenscheinlich zuwider lief? Was war mit ihm geschehen, dass er enthemmt und gewaltbereit einen anderen Menschen angefallen und ein Leben ausgelöscht hatte? Wie kam diese Mordwaffe in seine Hand, hier mitten im Wald? Hatte er sie vorsätzlich mitgebracht?

Es konnte keine Notwehr gewesen sein, denn da war keine andere Tatwaffe zu sehen, nichts, was ihn bedroht haben könnte, nichts, wogegen er sich zur Wehr hätte setzen müssen, um zu überleben. Es gab nur das blutverschmierte Eisenrohr in seiner verkrampften Hand. Er zwang sich, die Finger zu lösen, und schleuderte das Rohr voller Abscheu von sich.

Aber wer war der Tote, der da auf dem Waldweg vor ihm lag? Es war ein Mann, etwa in seinem Alter, das hatte ihm ein erster flüchtiger Blick gezeigt. Aber kannte er ihn, war es irgendjemand, zu dem er in einer bestimmten Beziehung stand, vielleicht aus der Nachbarschaft, aus seinem Bekanntenkreis? Ein weiterer, kurzer Blick in das angst- und schmerzverzerrte Gesicht dort am Boden genügte: Es war niemand, den er schon einmal gesehen hatte!

Was er fand, als er in seiner Erinnerung nach Hinweisen forschte, nach irgendeinem Gedankenfetzen, nach einem bekannten Bild oder einem vertrauten Geruch, das einzige war die allesversengende, lodernde Flamme, die ihm den Atem genommen und alles Erinnern an die Tat ausgebrannt hatte.

Ein Dämon hatte von ihm Besitz ergriffen, der fraglos nochmals töten würde, immer und immer wieder. Wann war er ihm verfallen, wann würde es wieder geschehen?

16.08.2011