Ganz nett eigentlich

Heute morgen hatte ich das Erlebnis, von dem jeder, der schreibt, träumt.

Ein wenig später als sonst begab ich mich zur Arbeit, und – oh, Wunder – in der S-Bahn waren noch so viele Plätze frei, dass mir schwindelte. Um 7.11 Uhr, meiner gewöhnlichen Abfahrtszeit, ist das Abteil so rappeldicke voll, dass man froh über jeden bequemen Stehplatz sein muss. Eine Stunde später dagegen herrschten fast paradiesische Zustände. Ich hatte die Qual der Wahl und entschied mich für einen Platz mit Beinfreiheit, die aber nicht lange vorhielt. Die junge Dame mir schräg gegenüber am Fensterplatz hatte sich häuslich niedergelassen und alles, was sie behinderte oder belastete, auf dem freien Platz neben sich – also mir gegenüber – ausgebreitet. Da wurde sie unvermittelt in freundlichem aber dennoch bestimmten Ton von einer blonden Mittvierzigerin aufgefordert, dieses Areal zu räumen. „Sie gestatten?!!!“, diese höfliche Frage kann sehr viel mehr beinhalten, wenn sie mit dem richtigen Unterton gestellt wird. Ohne zu zögern räumte das Fräulein den von ihr zeitweilig okkupierten Bereich, und die mir von Person her unbekannte Mitbürgerin nahm gelassen Platz.

Eine modische Brille wanderte aus der etwas umfangreicheren Handtasche auf die ein wenig spitz zulaufende Nase. Ein weiterer Griff in das geheimnisvolle Dunkel des fein gegerbten Lederbeutels förderte die gewünschte Reiselektüre zutage.

Mein bisher eher gleichgültiger Blick erstarrte: Das Büchlein, das sie ans Tageslicht beförderte, war mir seltsam vertraut: Dunkelweinrote Umschlagseiten, Kunststoffringbindung, im Copyshop produziert. Ich riskierte einen weiteren Blick auf den Umschlag, es war kein Zweifel möglich: „Kaleidoskop 1“ prangte unübersehbar auf der Vorderseite. Ich konnte mein Glück kaum fassen: Da saß ein Mensch mir gegenüber und las auf dem Wege zur Arbeit meine Geschichten! Ja, Sie haben richtig gehört, das war mein erstes Büchlein mit Kurzgeschichten, von dem ich nur – beschämend – wenige Exemplare unters Volk hatte bringen können. Mein Computer ratterte: Ob ich sie ansprechen sollte? Meine Neugier konkurrierte mit meiner angeborenen Schüchternheit, doch dann überwand ich diese und fragte mein(e) Gegenüber: „Wie finden Sie denn die Geschichten?“ Sie blickte - kurz überlegend - auf und fragte: „Ach, sind die von Ihnen?“. Ich gestand, der Urheber jener Zeilen zu sein, und sie beantwortete die gestellte Frage: „Ich finde sie ganz nett eigentlich. Und das Schöne ist, sie sind nicht allzu lang. Eine kurzweilige Lektüre für die Fahrt nach Hannover.“

Also wissen Sie, ich war mir gar nicht so sicher, wie ich diesen Kommentar auffassen sollte, ob ich das etwa als Kompliment verstehen durfte. „Ganz nett eigentlich“, damit konnte ich nicht so viel anfangen. Das klingt doch eher nach „Na ja, das geht ja so halbwegs!“ als nach „Einfach prima! Ich bin ganz weg vor Begeisterung!“. Und das hätte ich mindestens erwartet. Ich wäre sogar bereit gewesen, eine Widmung in das Büchlein zu schreiben, einfach so. Aber sie fand das, was sie da las, wohl doch nicht so umwerfend. So beschränkte ich mich den Rest der recht kurzen Fahrt darauf, möglichst unauffällig die Mimik meines, pardon meiner Gegenüber zu beobachten. Wie reagierte sie auf die Perlen, die ich unters Volk gestreut hatte? Ich lauerte auf ein leichtes Lächeln oder Schmunzeln, einen nachdenklichen Blick, einen irritierten Ausdruck ihres konzentrierten Gesichtes. Aber ich wartete vergebens, sie verzog keine Miene. Ich überlegte, ob ich erwähnen sollte, dass die Geschichten, die ich jetzt schrieb, länger als eine halbe DIN A4-Seite seien. „Wissen Sie, inzwischen sind meine Short-stories auf 3 bis 4 Seiten angewachsen. Die Geschichten, die Sie hier lesen, waren meine ersten Schreibversuche 2005 und 2006. Mein nächster Band „Kaleidoskop 2“ wird schon ein wenig anders, wird besser sein!“

Doch ich verlor kein Wort, stand auf, zog die Jacke an und stülpte mir die warme Mütze über den Kopf, denn immer noch wehte ein eisig kalter Winterwind auf dem Bahnhof Hannover-Linden. Ich verabschiedete mich mit einem kurzen „Tschüs!“, wir lächelten uns zu, und ich stieg aus, ohne wirklich etwas gesagt zu haben. Sie wissen ja, ich bin eben ein schüchterner Typ. Was ich mitteilen möchte, kleide ich bisweilen in kleine Geschichten und hoffe, dass man mich trotzdem versteht.

  

07.03.2008

 

 

Nachtrag:

Als ich meiner häuslichen Rezensentin diese kleine Geschichte vorlegte, zeigte sich meine liebe Frau von Inhalt und Bearbeitung recht angetan: „Sie ist dir wirklich ganz gut gelungen! Von meiner Seite aus gibt es nichts dran zu meckern. Noch toller wäre es natürlich gewesen, wenn dir das tatsächlich so passiert wäre.“

Ich brauchte schon eine kleine Weile, bis ich den Mund wieder zu bekam, um ihr zu antworten.