Wie war dein Tag, Schatz?

Eduard konnte sich nun schon einige Jahre des wohlverdienten Ruhestandes erfreuen, den er nach rund vierzig Berufsjahren einigermaßen gesund und munter erreicht hatte. Wie hatte er sich doch auf diese Zeit gefreut, in der er frei von Zeitzwängen und Dienstanweisungen endlich seinen Interessen nachgehen könnte. Nun würde er die Zeit finden, all die Bücher zu lesen, die er und seine Frau im Laufe der vielen Jahre erworben hatten. Wenn ihn eine Fernseh- oder Rundfunksendung interessierte, müsste er nicht mehr mit schlechtem Gewissen auf die Uhr sehen, könnte Gespräche, die ihm wichtig wären, so lange verfolgen, wie es ihm gefiele, und Bücher, die ihn fesselten, genüsslich auch noch um drei Uhr morgens zu Ende lesen. Niemand hetzte ihn mehr, kein Wecker schrillte und  jagte ihn in stockdunkler Nacht aus dem mollig-warmen Bett, das wäre nun alles vorbei! Paradiesische Zeiten würden hereinbrechen und sein Leben eitel Freude und Sonnenschein sein, - hatte er sich damals gedacht, erhofft und erträumt. 

Doch wie heißt es so schön? Irgendjemand sorgt schon dafür, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen, dass kein hemmungsloses Chaos ausbricht im vermeintlichen Garten Eden. Und im Zweifelsfalle ist dieser Jemand die liebende Ehefrau, die sich darum kümmert, dass der nun arbeitslose Lebensgefährte nicht ziellos in der Gegend umherirrt, sich etwa langweilt und vielleicht dann noch trübsinnig wird: Schon gleich nach dem Aufwachen bleibt ihm der Morgenkaffee im Halse stecken, wenn sie ihm eröffnet, welche Freizeitbeschäftigungen seiner am heutigen Tage harren. Es kommt infolgedessen schon einmal vor, dass Eduard sich voller Sehnsucht der guten, alten Zeiten seines Berufslebens erinnert.

Er kann sich nunmehr stets darauf verlassen, dass sie sich wirklich Gedanken macht, was er alles so an diesem Tage erledigen könnte, wobei sie nicht selten die spitze Bemerkung fallen lässt: „Eigentlich könntest Du ja auch selber darauf kommen! Aber wenn man sich darauf verlassen wollte...“. Wobei diese Frau überhaupt nicht in Erwägung zieht bzw. ziehen will, dass Eduard eine etwas andere, eben nicht ganz so enge Sicht der Dinge hat wie sie und in der Gelassenheit des Alters alles etwas ruhiger angeht.  

Hat er sich für diesen Tag etwa einmal vorgenommen, geruhsam in einem Buch zu lesen oder einen ausgedehnteren Spaziergang oder eine Fahrt in die nahegelegene Stadt zu unternehmen, sieht der heutige Dienstplan Wäschewaschen und Generalreinigung der Wohnung vor, wobei sie ihm dann haarklein auflistet, auf was er alles zu achten hätte. „Und setze doch bitte mal die Brille auf, wenn du sauber machst, und denk auch an die Ecken. Dafür nimm bitte die spitze Düse, da kommst du mit der breiten nicht hin, sonst bleibt der Dreck wieder liegen!“ usw. usw.  Und Eduard darf sich hundertprozentig darauf verlassen, dass sie nach ihrer Rückkehr aus dem harten Berufstag dennoch Zeit finden wird, sich davon zu überzeugen, ob er ihre wohlgemeinten Ratschläge auch befolgt hat. Gegebenenfalls wird sie ihn zart darauf hinweisen, wo etwas seiner beschränkten Aufmerksamkeit entgangen sei. „Wenn man denn nicht alles selber macht!“.

Falls und wenn er dann nach des Tages Müh und Plag endlich doch einmal Zeit für ein Buch findet und auf geruhsame und entspannte fünf Minuten hofft, ja, sich regelrecht darauf freut, kreuzt sie mit Sicherheit gerade dann auf, betrachtet ihn mit spöttisch-vorwurfsvollem Blick und seufzt: „So gut wie du möchte ich’s auch mal haben!“. 

 

19.09.2010