Wolfhard

„Ehrwürdiger, was wirst Du uns heute für eine Geschichte erzählen? Handelt sie von Liebenden, die erst viele Hindernisse überwinden müssen, bis sie einander umarmen dürfen, oder von Freunden, die auf der Suche nacheinander sind? Erzählst Du uns von einem Menschen, der den Sinn seines Lebens finden möchte? Oder berichtest Du uns von denen, die gegen Gewalt und Ängste ankämpfen, um ihren Lebensmut wiederzufinden? Also, was wirst Du uns dieses Mal erzählen? Spann uns bitte nicht so sehr auf die Folter, wir können es kaum erwarten...“.

„Die Geschichte, von der ich Euch heute berichten werde, ereignete sich schon vor sehr, sehr langer Zeit. Mein Vater hatte sie von seinem Vater erfahren, der wiederum von dem seinen und so weiter und so fort. Diese Kette reicht unendlich lange zurück, so dass wir heute nicht mehr wissen, wer zum ersten Mal davon erfahren hat.

Es war einmal ein Junge, der Benjamin hieß. Mitten in der Nacht wurde er von einer Stimme geweckt, die ganz eindringlich um Hilfe rief. Er schüttelte sich, so wie es  junge Hunde morgens tun, um sich die Träume der Nacht aus dem Fell zu schütteln, und versuchte einen halbwegs klaren Gedanken zu fassen. Wer um alles in der Welt sollte ihn mitten in der Nacht rufen? Ihn? Ja, ganz gewiss ihn, denn er hatte laut und deutlich seinen Namen gehört. Laut und deutlich? Wenn das der Fall gewesen wäre, müssten doch seine beiden Brüder, die mit ihm im gleichen Zimmer schliefen, auch davon wach geworden sein, aber die schnarchten kräftig weiter. Gewiss war das nur so ein alberner Traum gewesen, der ihm einen Schabernack spielen wollte. Am besten wäre es, sich überhaupt nicht davon beeindrucken zu lassen. Benjamin drehte sich auf die andere Seite und versuchte wieder einzuschlafen. Fast hätte er es geschafft, sich wieder in Morpheus Arme fallen zu lassen, da rief ihn die Stimme zum zweiten Mal. Hatte er das doch nicht nur geträumt? Wer könnte das sein, der ihn zur Hilfe rief, ausgerechnet ihn, den jüngsten der Geschwister? Warum rief die Stimme nicht Max, den ältesten und stärksten, der es mit allen Streithähnen im Dorf aufnehmen könnte, wenn es sein müsste? Schon eine merkwürdige Sache, dachte er, aber nun war er wirklich wach, und die Stimme rief immer noch nach ihm, rief ihn beim Namen: „Benjamin, bitte hilf mir!“.

Benjamin begriff, dass er das Rufen nicht mit seinen Ohren, sondern nur in seinem Innern, in seinen Gedanken hörte, ein Rufen, das nur für ihn, den kleinsten und unscheinbarsten der Geschwister bestimmt war. Und er wusste, dass er diesem Ruf folgen musste, nein, dass er ihm folgen wollte. Irgendjemand rief ihn, ausgerechnet ihn, keinen stärkeren und klügeren, sondern ihn. Und wenn dieser Jemand ihn zur Hilfe rief, dann musste er doch irgendetwas an sich haben, was ihn von allen anderen unterschied, etwas, was ihn allein dazu befähigte. Das war etwas ganz Neues für ihn und verwirrte ihn. Nach einem Augenblick des Erstaunens antwortete Benjamin: „Ich bin bereit, Dir zu helfen, auch wenn ich es mir im Augenblick nicht vorstellen kann, wie das gehen sollte. Aber Du wirst schon wissen, was Du vorhast. Sage mir, was ich tun soll, ich bin bereit!“

„Denke daran, wie kühl die Nächte noch sind, und ziehe Dich bitte warm an. Nimm Dir auch etwas zu essen und zu trinken mit, denn der Weg ist lang und wird Dich erschöpfen. Dann tritt aus dem Haus und folge Deinem Gefühl, es wird Dich zu mir führen!“.

Benjamin tat, wie ihm die Stimme gesagt hatte, und machte sich auf den Weg. Stunde um Stunde verging. Unterwegs aß er ein paar Bissen und trank einen Schluck Wasser, doch vermied er es, sich hinzusetzen, weil er befürchtete, er könnte wieder einschlafen und zu spät kommen, um zu helfen.

Als er an eine Wegkreuzung gelangte, auf der sich sechs verschiedene Wege aus allen Himmelsrichtungen trafen, wusste er nicht mehr weiter. Doch die innere Stimme ermutigte ihn: „Höre nur auf das, was Dein Herz Dir sagt, so wirst Du nicht fehlgehen!“. Er spürte, dass eine unsichtbare Kraft ihn bestärkte, dem Wege geradeaus weiter zu folgen, und ruhig setzte er seinen Marsch fort.  

Schon hatte die Sonne ihren höchsten Stand überschritten und der Abend war nicht mehr fern, als er die Stimme wieder vernahm: „Wenn Du um die Wegbiegung dort vor Dir kommst und Dich dann dem Waldrand näherst, wirst Du mich sehen können.“

Benjamin eilte voran, um dann wie vom Schlage getroffen mitten im Schritt zu erstarren. Vor ihm in einer tiefen Grube, die vorher mit grünen Zweigen abgedeckt gewesen war, saß ein großer, kräftiger Wolf. An den tiefen Kratzspuren konnte er erkennen, dass jener verzweifelt, aber vergeblich versucht hatte, die senkrechten, glatten Wände zu erklimmen, um sich aus seinem Gefängnis zu befreien. Benjamin nahm all seinen Mut zusammen und fragte: „Bist Du es, der mich um Hilfe gerufen hat? Und wenn Du es bist, wie könnte ich Dir helfen?“.

Der Wolf knurrte nur leise vor sich hin, aber Benjamin vernahm ganz klar und deutlich: „Danke, Benjamin, dass Du gekommen bist. Ja, ich habe Dich gerufen. Ich kenne Dich, ich habe Dir oft beim Spiel mit anderen Kindern zugesehen, auch wenn Du mich nicht bemerkt hast. Wir sehen vieles, was Euch Menschen verborgen bleibt. Ich wusste, Dein gutes Herz würde Dich zu mir führen und Dir den Mut und Verstand geben, um mir zu helfen. Suche starke Äste oder etwas Ähnliches und lasse sie zu mir herab. Mit ihrer Hilfe werde ich aus der Grube herausklettern können. Und habe keine Furcht, Dir wird nichts geschehen“.

Gesagt, getan. Schon kurze Zeit später konnte sich der Wolf mit Benjamins Unterstützung aus der Grube befreien. Dankbar leckte er ihm die Hand und drückte sich Nähe suchend an ihn.

„Heute hast Du mir das Leben gerettet, das werde ich Dir niemals vergessen. Wenn Du eines Tages meine Hilfe brauchst, rufe mich, ich werde kommen. Rufe mich einfach mit Deinen Gedanken, ich werde Dich überall hören, so wie Du mich heute gehört hast.

Deine Eltern haben Dir einen wunderschönen Namen gegeben. Sie nannten Dich Benjamin, das heißt: Kind der Freude. Doch von heute an sollst Du einen zweiten Namen tragen. Ich nenne Dich Wolfhard, denn Du bist „tapfer wie ein Wolf“, mein Sohn.“                      

20.01.2014