Perspektivenwechsel

Die Trauergemeinde drängte sich in der Kapelle. Einige standen an der Tür zum Vorraum. Die Orgel verstummte. Die Stimme des Pfarrers erfüllte den Raum mit einer Lobrede über den hilfsbereiten, stets freundlichen und in seinem Glauben ruhenden Verstorbenen.

„Er war eine Stütze für seine Familie, aber auch bei seiner ehrenamtlichen Tätigkeit in der Sterbehilfe. Für uns alle unfassbar, wurde er durch einen tragischen Unfall aus unserer Mitte gerissen ...“

Ich konnte nicht mehr zuhören, musste mich abwenden. Vor der Tür der Kapelle ließ ich meinen Tränen freien Lauf. Bin ich so ein toller Typ gewesen? Warum hatten sie es mir nie gezeigt oder gesagt? Keiner hatte mich gesehen. Für niemanden war ich wichtig. Der Pfarrer nannte es einen tragischen Unfall, aber es war weder tragisch noch ein Unfall. Die Straße war gerade. Die Brücke gut zu sehen. Ich trat das Gaspedal voll durch, nahm den Brückenpfeiler ins Visier und raste, die Augen geschlossen, die Hände um das Lenkrad gekrallt, darauf zu. Ein Knall, alles war dunkel.

Ich sah von oben auf das Autowrack. Die Feuerwehrmänner hatten mich herausgeschnitten und auf eine Trage gelegt. Der Notarzt bestätigte ihnen:

„Er ist tot.“

Einige Tage später froren die Trauergäste an einem regnerischen Tag an meinem offenen Grab. Ich begleitete sie in die nahegelegene Gaststube. Bei Kaffee, Butterkuchen und Schnittchen drehten sich die Gespräche um die tägliche Mühsal der Anwesenden. Sie langweilten mich, wie in den letzten Jahren. Ich ertrug sie, um meine Familie nach Hause zu begleiten.

In den nächsten Tagen wich ich meiner Frau nicht von der Seite. Noch nie war ich ihr so nahe. Tagsüber funktionierte Anja, versorgte unsere Söhne, ging zur Arbeit, kochte und erledigte die Hausarbeit. Abends, alleine im Wohnzimmer, saß sie weinend, schimpfend und fluchend in meinem Sessel.

„Warum hast du nicht besser aufgepasst? Warum musstest du so rasen? Wie oft habe ich dir gesagt, fahr langsamer.“

Sie stellte viele Fragen, redete oft mit mir.

„Was soll ich ohne dich machen? Alleine mit den Jungen? Warum hast du mich verlassen? Wir hätten reden können, aber auf meine Fragen hast du nie reagiert. Ich habe mich nicht mehr getraut, zu fragen, aus Angst, deine Stimmung sinkt weiter. Ich weiß, du warst niedergeschlagen, betrübt, ohne Freude – auch an uns. Ich wollte dir helfen, aber wie? Jetzt ist es zu spät.“

Ich erlebte meine Söhne in der Schule, mit ihren Freunden und zu Hause. Sie beteiligten sich unbeschwert an den alltäglichen Aktivitäten, bis plötzlich ihre Stimmung umschlug. Sie zogen sich zurück, fielen in sich zusammen, blickten ausdruckslos vor sich hin. Der neunjährige Kai nahm den zwei Jahre jüngeren Sven in den Arm.

„Wir müssen starke Männer sein, für Mama. Sie hat jetzt nur noch uns.“

„Papa fehlt mir. Ich will nicht stark sein. Ich will ihn wiederhaben. Wer geht jetzt mit mir zum Fußball?“

„Ich weiß nicht. Mir fehlt Papa auch.“

Die Freude über die in ihrer Trauer enthaltenen Liebesbeweise währte nicht lange. Die Tiefe der Gefühle und des Schmerzes, den ich meiner Familie zugefügt hatte, überwältigte mich. Schaudernd erkannte ich, in meiner negativen Sicht, meinem Glauben, ihnen gleichgültig zu sein, hatte ich mich verrannt. Meiner Verantwortung ihnen, aber auch mir gegenüber, war ich nicht gerecht geworden. Meine Schuldgefühle wuchsen.

Eines Abends konnte ich Anjas Fragen nach dem Warum nicht mehr ertragen. Deutlich hörte ich mich sagen:

„Liebes, verzeih mir. Ich würde meinen Tod gerne rückgängig machen. Ich war verzweifelt, verzagt, glaubte, dir eine Last zu sein. Ich wusste nicht, was ich uns antue, was ich uns nehme.“

Wir weinten beide.


Ich erwachte. Mein Kopfkissen war nass. Neben mir lag Anja. Ich lebte. Ich hatte eine neue Chance bekommen.