Das kleine Volk

Die Menschen drunten im Tal wussten nicht, dass es die Zwergenwesen gab, aber Bastian sehr wohl. Schon lange lebte er in einer windschiefen Berghütte nahe der Baumgrenze. Nur selten begab er sich ins Dorf. Die Zwerge hatte er schon als kleiner Junge gesehen, aber er wurde von allen ausgelacht, als er davon erzählte. Also hatte er geschwiegen. Das änderte aber nichts daran, dass er sie immer mal wieder im Wald beobachtete, wie sie hin- und herliefen oder irgendetwas durch die Gegend trugen. Was sie da trugen, konnte er nie so genau erkennen. Sobald sie ihn sahen, verschwanden sie blitzschnell von der Erdoberfläche. Es war ihm ein Rätsel, wie sie das machten. Natürlich hatte er den Waldboden untersucht, aber keinen Eingang zu einer unterirdischen Höhle entdecken können. Nichts wünschte er sich sehnlicher, als einmal mit einem von ihnen zu sprechen. Er würde so gerne mehr über sie erfahren. So wenig er sich aus den Menschen machte, die kleinen Waldwesen lagen ihm am Herzen. Als er bei einem seiner seltenen Besuche im Ort erfuhr, dass ein großes Stück des Waldes gerodet werden würde, weil dort ein Ziegenhof entstehen sollte, machte er sich große Sorgen um die Zwerge. Es musste doch irgendwie möglich sein, sie zu warnen. Als er am Abend vor seiner Hütte saß und wie immer ein wenig am Holz schnitzte, hatte er eine Idee. Grob schnitzte er Menschen, Äxte und Bäume, die er am nächsten Morgen in den Wald brachte. Dort baute er die Szene auf und hoffte, dass sie die Botschaft verstehen würden. In der folgenden Nacht träumte er, dass eine wunderschöne Zwergenfrau ihm zuflüsterte „Danke Bastian“. Er lächelte zufrieden und brummte „gerne“. Noch nie in seinem ganzen Leben war ihm so leicht ums Herz gewesen wie nach diesem Traum. Immer wieder rief er sich die Einzelheiten dieser kurzen Begegnung vor Augen. Für diesen Tag hatte er sich vorgenommen, Honig zu sammeln. Dazu musste er zu einer entfernten Bergwiese, dort hatte er einen Bienenstock entdeckt. Er achtete kaum auf den Weg, so sehr war er in Gedanken mit seiner Traumerscheinung beschäftigt. So bemerkte er weder die frisch abgeknickten Zweige noch die Trampelspuren am Boden. Ein Bär hatte dasselbe Ziel wie er und mochte es überhaupt nicht, dass ihm jemand den Honig klauen wollte. Wütend griff er Bastian an. Dieser glaubte schon, sein letztes Stündlein habe geschlagen, da hielt der Bär inne. Verdutzt beobachtete Bastian, dass seine Traumfee in Menschengröße vor dem Bären stand und er auf ein Zeichen von ihr den Kopf senkte und sich davontrollte. Dann kam sie zu ihm. „Bist du verletzt?“ fragte sie ihn. Bastian starrte sie nur an, unfähig auch nur ein einziges Wort zu äußern. Er schüttelte schließlich mit dem Kopf. „Ich werde dich trotzdem untersuchen“ meinte sie und tat das dann auch anschließend. Vorsichtig tastete sie seinen ganzen Körper und anschließend den Kopf ab. „Nur ein paar Schrammen“ lautete das Ergebnis. Mit den Worten „hier trink das“ gab sie ihm einen Becher mit einer dampfenden Flüssigkeit. Wo hatte sie den denn plötzlich her? „Damit du wieder munter wirst“, deutete sie seinen fragenden Blick. Das Gebräu löste immerhin seine Zunge. Er hatte so viele Fragen und wusste gar nicht, welche er zuerst stellen sollte. „Ich bin glücklich, dich zu sehen und du bist wunderschön“ waren schließlich seine ersten Worte. Gefolgt von wie „heißt du? Wie kann es sein, dass du so groß bist wie ich? Und habt ihr meine Botschaft bekommen?“

„Ich heiße Sarilala und danke dir im Namen meines Volkes für die Warnung. Dass ich hier so vor dir stehe, ist bei großer Gefahr möglich, damit wir miteinander sprechen können. Bitte berichte mir, was du weißt“. „Bist du danach gleich wieder verschwunden“ fragte er. „Nein, ich habe noch ein paar Stunden, bevor ich zurück muss“. Erleichtert berichtete Bastian alles, was er über die geplante Rodung wusste. Sarilala hörte aufmerksam zu. „Das ist sehr traurig“ sagte sie schließlich zu ihm. „Wir leben schon so lange in diesem Wald, aber wenn er besiedelt wird, müssen wir gehen. Immerhin sind wir vorbereitet und müssen nicht plötzlich fliehen“. Bastian wurde schwer ums Herz. Ihm wurde klar, dass er diese Zwergenwesen als seine Familie betrachtet hatte. Ein Leben ohne Begegnungen von Zeit zu Zeit konnte er sich nur als trist vorstellen. „Kann ich mit euch kommen“ fragte er spontan. Sarilala betrachtete ihn prüfend. „Du meinst das ernst, das sehe ich. Ich darf das nicht entscheiden, da muss ich den Rat befragen, aber ich werde für dich sprechen“. Sie unterhielten noch lange über das Volk der Zwerge. Sarilala hatte viele Fragen zu den Menschen. Sie mochten sich, diese beiden, das spürten sie. Der Abschied fiel schwer. In den kommenden Tagen hielt Bastian immer Ausschau nach Sarilala, doch nicht einmal der Zipfel einer Zwergenmütze war zu sehen. Es dauerte drei Wochen, da stand sie eines Abends vor ihm, als er gerade auf der Bank vor seiner Hütte Platz genommen hatte. Er rückte zur Seite und machte ihr Platz. Schweigend saßen sie eine Weile. Sarilala seufzte. „Was ist los?“ fragte er. „Der Rat hat über deine Frage entschieden“. Bastian hatte Angst zu fragen, aber er wollte es auch wissen. „Sind sie einverstanden?“ „Nun ja“, antwortete Sarilala. „Sie stellen eine Bedingung. Du musst heiraten und Kinder in die Welt setzen“. „Wie um alles in der Welt soll ich eine Frau finden? Ich lebe doch schon so lange alleine und tue mich schwer mit den Menschen“. „Es müsste eine bestimmte Frau sein, sagte sie“. „Ja, wer denn?“ „Ich“. Ungläubig starrte Bastian sie an. „Du? Dann musst du ja dein Volk für immer verlassen?“ „Ja, das ist so, aber wir können dafür sorgen, dass unsere Kinder und deren Kinder mein Volk beschützen. Und wir sind immer in seiner Nähe. Aber willst du das denn? Ein Leben als Mensch mit mir? Ohne deine Leute?“ Sie sah ihn an. „Du hast ein gutes Herz Bastian. Ja, ich werde mein Volk vermissen, meine Freunde, meine Familie. Es wird wenig Kontakt geben. Ich werde den Wald und die Leichtigkeit, mit der wir durchs Leben gehen, vermissen. Als Mensch bin ich so groß und schwer“. Bastian musste unwillkürlich schmunzeln, denn ihm schien sie klein und zierlich. „Doch, ich glaube, es ist wichtig, dass unser Volk beschützt wird und es gibt niemanden, mit dem ich es lieber tun würde als mit dir“. „Wenn du das willst. Sarilala, ich bin der glücklichste Mann auf Erden, wenn du meine Frau wirst. Doch ich möchte, dass du auch glücklich bist, denn sonst kann ich es nicht sein. Du sollst nicht aus Pflichtgefühl deinem Volk gegenüber mit mir leben“. „Oh nein, so ist es nicht. Ich möchte das wirklich“. Und so geschah es. Sie ließen sich vom Priester des Dorfes trauen und zogen mit dem Zwergenvolk weiter gen Osten, wo die Wälder noch dichter waren. Nach einigen Monaten der Suche fand sich schließlich ein neuer Lebensraum für das kleine Volk. Sarilala und Bastian errichteten am Rand des Waldes eine Hütte. Es war eine gute Ehe. Sie hatten einander von Herzen gerne und teilten sich Arbeit, Sorgen und Freuden. Ihre drei Kinder lernten die Zeichen des Waldes zu lesen und auch selbst Signale zu geben. Auch ihre Kinder und Kindeskinder passten gut auf, dass das Waldvolk stets behütet war. Wenn du eines Tages in ein Dorf kommst, in dem eine Sarilala lebt, dann weißt du, dass du sie gefunden hast, denn es gibt seit Urzeiten in jeder Generation eine Sarilala. Vielleicht macht sie dich mit den Zwergen bekannt…