Die tanzende Schneeflocke

Es war einmal eine tanzende Schneeflocke. Den ganzen Weg von hoch oben im Himmel legte sie im Dreivierteltakt zurück und summte dabei Walzermelodien. Alle anderen Schneeflocken sausten an ihr vorbei, doch Susubu, so hieß die kleine Schneeflocke, ließ sich dadurch nicht beirren und schwang sich fröhlich weiter hin und her. Längst schon hatten die anderen sich als dicker Schneeteppich auf der Erde niedergelassen, als Susubu die ersten Baumspitzen erreichte. Sie genoss diesen Tanz aus ganzem Herzen und war so vertieft, dass die gar nicht merkte, dass ein kleines Mädchen sie beobachtete. Erst als eine leise Stimme sie neugierig fragte „was machst du da, kleine Schneeflocke?“, unterbrach sie abrupt ihren Tanz und wäre beinahe zur Erde gesaust, wenn das Mädchen ihre Hand nicht ausgestreckt hätte. Einen Augenblick betrachteten sie einander stumm, dann antwortete Susubu „ich tanze Walzer“. „Das sieht schön aus“ sagte das Mädchen „kannst du mir das beibringen?“. „Na klar“ versprach Susubu ihrer neuen Freundin. „Ich heiße Susubu und wie heißt du?“ „Das reimt sich“ lachte das Mädchen. „Ich heiße Jadina“. „Also Jadina“ erklärte Susubu „am besten hörst du mir beim Summen zu und bewegst dich ebenso nach rechts und links wie ich.“ Für so eine kleine Schneeflocke konnte Susubu erstaunlich klar summen. Jadina hatte keine Mühe, ihr zu folgen und bald schwang sie ihre Füße im Walzertakt. Begeistert jauchzte sie laut auf. Sie drehte sich immer schneller, bis sie schließlich erschöpft in den weißen weichen Schnee fiel. „Danke Susubu“ seufzte sie glücklich. Jadinas Herz pochte laut und ihr war ein bisschen schwindlig zumute, aber sie hatte sich noch nie so lebendig gefühlt. Ihr Lächeln vertiefte sich, als ein Sonnenstrahl zwischen den Wolken aufblinkte. Doch da schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf „Susubu, was machst du, wenn die Sonne scheint?“ Susubu lächelte „dann schmelze ich“ antwortete sie. Jadina war plötzlich sehr traurig und jammerte „oh Susubu, das ist ja furchtbar, wir werden dann nie mehr zusammen tanzen können.“ „Jadina, ich werde noch oft zur Erde kommen, mal als Regentropfen, mal in einem Fluss, in einer Nebelwand und auch als Schneeflocke. Und immer, wenn ich als Schneeflocke komme, dann werde ich für dich tanzen, aber wenn du erwachsen bist, dann kannst du mich nicht mehr verstehen. Achte auf meinen Tanz, dann wirst du mich wiedererkennen.“

Der Walzer brachte Jadina Glück. Im Tanzkurs lernte sie ihren Mann Yannous kennen und die beiden tanzten noch als altes Ehepaar verliebt den Schneewalzer. Immer, wenn es schneite, lief Jadina in den Wald und hielt Ausschau nach Susubu. Schließlich eines Tages beobachtete sie wie ihre kleine Enkelin Marie sich mit einer Schneeflocke unterhielt. Da wurde ihr Herz ganz weit vor Freude.