Ein Stück Brot

Ein Stück Brot, das war alles, was sie sich wünschte. Auf ihrem Weg durch die Stadt beobachtete sie hungrig, was die Menschen alles offen auf der Straße in ihre Mäuler stopften. Riesige Becher mit Kaffee, Croissants, Muffins, Käsebrote, Wurstbrote, Äpfel, Bananen, Schokolade, Eis, Würstchen, Pommes, Pizza, Bier, Cola, Curry – die Auswahl war riesig. Es war, als ob ein Wunderkorb, der sich ständig neu mit den köstlichsten Speisen füllte, von Mensch zu Mensch weitergegeben würde. Jeder nahm sich etwas heraus und gab den Korb dann weiter, nur Brina war stets an der falschen Stelle. Doch selbst wenn sie in der Nähe des Korbes war, konnte sie die ihm entströmenden Gerüche kaum ertragen. Es roch alles falsch und künstlich. Sie hatte seit zwei Tagen nichts gegessen. Sie fühlte sich schwach und elend. Das konnte allerdings niemand erkennen. Von außen betrachtet war Brina eine modisch gekleidete zierliche junge Frau, die vermutlich auf dem Weg zur Arbeit war. Sie wirkte energisch und zielstrebig. Niemand wusste, dass sie vor drei Monaten ihre Stelle verloren hatte. Das war kurz nachdem sie einen Annäherungsversuch ihres Chefs höflich aber entschieden abgelehnt hatte. Seitdem war sie auf der Suche nach einer neuen Stelle, aber ohne gutes Zeugnis und ansehnliche Berufserfahrung war das schwierig. Anfangs war sie noch zuversichtlich, dass sich schon das Richtige finden würde, aber inzwischen bröckelte ihr Optimismus. Sie schämte sich und hatte ihrer Familie und ihren Freunden bisher nichts erzählt. Erst wenn sie eine neue Stelle hätte, wollte sie von dem Rauswurf berichten. Doch es fiel immer schwerer, die Fassade aufrecht zu halten. Das Geld vom Arbeitsamt reichte vorne und hinten nicht. So konnte es nicht weitergehen. Plötzlich war er da, der richtige Duft. Der Geruch nach frisch gebackenem Brot. Sie folgte der Spur und entdeckte ein neues kleines Café in einer Seitenstraße. „Im Paradies“ stand über dem Eingang. Die Wände waren in fröhlichen Farben gestrichen, das Mobiliar bestand aus bunt zusammengewürfelten Sesseln, Stühlen und Tischen und auf jedem Tisch stand eine Vase mit einer Blume oder einfach nur hübschen Zweigen. Das Brot wurde gerade in die Auslage geräumt. Daneben standen Töpfe mit verschiedenen Aufstrichen. Die Frau mit dem Brot blickte auf als Brina den Laden betrat. Ein kurzer Blick in Brinas Augen und sie hielt ihr ein Stück Brot hin und sagte „erzähl“. Und Brina erzählte. Es tat so gut, die Geschichte endlich loszuwerden. Bei dieser fremden Frau konnte sie von der Scham sprechen, konnte darüber reden, wie sie sich immer mehr von den normalen Menschen entfremdete, wie hohl und leer ihr alles schien, wie gefräßig, abstrus und abstoßend. Konnte ihre Verzweiflung in Worte fassen. Die ganze Zeit hielt sie das Stück Brot in der Hand und erst als sie alles los war, biss sie hinein. Köstlich. Caro, so hieß die Ältere, hörte sich alles geduldig an. Dann sagte sie „dich schickt der Himmel“ und bot ihr an, im Café zu helfen. Es war viel Arbeit, weil alles frisch zubereitet wurde und wenig Lohn, weil das Café für einen guten Zweck – ein Hospiz – arbeitete, aber das war Brina egal. Das war ihr Platz. Sie hatte es in dem Moment gewusst, als sie das Brot gerochen hatte. Sie sagte sofort zu. Und hat es nie bereut. Dieses Café war echt. Hier konnte sie sie selbst sein auf eine Weise, wie sie es noch nie erlebt hatte. Ein Stück Brot hatte ihr Leben verändert.